von li nach re: Frau Dr. Beatrice Palausch, MdL Bärbl Mielich, Herr Andreas Vogt

Öffentliches Fachgespräch “Telemonitoring und Telemedizin – Chancen und Risiken von neuen Versorgungsformen durch eHealth-Anwendungen”

Die Sicherung der wohnortnahen ist eine der zentralen politischen Herausforderungen vor allem für die Versorgung im ländlichen Raum. Die Ärzteschaft steht vor einem Generationenwechsel. Viele werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren ihre Praxis aufgeben. Was bedeutet das für die medizinische Versorgung der Bevölkerung, wenn diese Praxen nicht wieder besetzt werden?

Inwiefern digitale Entwicklung und telemedizinische Anwendungen hier eine Lösung biten können, diskutierte die Gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion GRÜNE im Landtag von Baden-Württemberg, Bärbl Mielich, mit Andreas Vogt, Leiter der Techniker Krankenkasse Landesvertretung Baden -Württemberg, Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg,
Dr. Johannes Fechner, Stellvertretender Vorsitzender der KVBW, sowie Dr. Hartmut Ehrle-Anhalt, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Schlaganfallstation HELIOS Klinik Müllheim am 30.11.2015 in einem öffentlichen Fachgespräch in der HELIOS Klinik Müllheim.

 

von li nach re: Herr Dr. Johannes Fechner, Herr Dr. Hartmut Ehrle-Anhalt, Frau Dr. Palausch, MdL Bärbl Mielich. (Foto: Nina Allweier)

von li nach re: Herr Dr. Johannes Fechner, Herr Dr. Hartmut Ehrle-Anhalt, Frau Dr. Palausch, MdL Bärbl Mielich.
(Foto: Nina Allweier)

Der Einsatz von Telemedizin könne eine Bereicherung sein, sagte Bärbl Mielich in ihrem Eingangsstatement. Videokonferenzen oder Telefonate könnten Patienten den Gang zum Arzt/Spezialklinik ersparen, was gerade für ältere PatientInnenen und BewohnerInnen des ländlichen Raumes, wo eine flächendeckende wohnortnahe Versorgung immer schwieriger werde, viele Vorteile böte. Darüber hinaus bestehe die Chance, dass minder schwerwiegende Fälle in den Notfallambulanzen, die aktuell 30% der Behandlungen vor allem am Wochenende ausmachen, abgegriffen werden könnten.

Gleichzeitig ergeben sich mit dem Einsatz von Telemedizin aber auch Risiken: Neben Fragen der Datensicherheit bestehe insbesondere die Gefahr, dass Ãrzte unkontrolliert telefonische Beratung anbieten könnten. Denn für die Einführung einer telefonischen Erstberatung wäre es notwendig, das Fernbehandlungsverbot der Bundesärztekammer aufzuheben. Zudem gehe der persönliche Arztkontakt verloren. Genau das, so merkten Herr Dr. Clever und Herr Dr. Fechner an, sei schwierig, denn Medizin habe sehr viel mit Beziehung zu tun und eine Anamnese sei reine Beziehungsaufnahme. Der Arzt könne beim persönlichen Kontakt mit dem Patienten ganz genau hinsehen und auch kleinste Veränderungen festellen, die am Telefon oder auf einem Bild nicht in gleicherweise sichtbar seien.

Es ginge nicht um eine Substitution, sondern eine zusätzliche Säule in der Versorgung, entgegnete Herr Dr. Ehrle-Anhalt vom HELIOS Klinikum Müllheim. Die Klinik in Müllheim realisiere seit Juni 2014 ein Kooperationsmodell mit der Universitätsklinik Freiburg in Bezug auf die Schlaganfallversorgung. Telemedizin werde hier nachts und an den Wochenenden in Form von Videokonferenzen zwischen Ärzten und PatientInnen genutzt; dann also, wenn der Neurologe nicht mehr im Haus sei und der Aufsichthabende Arzt eine Beratung mit einem Facharzt als Rückversicherung benötige. Das Konzept funktioniere gut und entlaste Personal und auch Patient, ergänzt Frau Dr. Palausch. Ähnliche Projekte in größerem Rahmen gebe es bereits z.B. in Bayern (TEMPiS). Mittlerweile gäbe es auch im DRG-System eine Ziffer für telemedizinische Leistungen, erläutert Herr Dr. Ehrle-Anhalt.

Andreas Vogt stellte das medgate Telemedicine Center in Basel vor. Dieses Callcenter sei ein privatorientiertes medizinisches Dienstleistungsunternehmen, das eben nicht nur berate, sondern auch behandle (Ausstellung von Rezepten). Das ginge in Deutschland nicht, denn es sei nicht mit deutschem Berufsrecht vereinbar. Zudem habe die Schweiz ein anderes Vergütungssystem. In Deutschland würde ein ähnliches System erheblich Zusatzkosten bringen.

Grundsätzlich, darin waren sich alle ExpertInnen einig, wäre es sinnvoll, in einem Modellprojekt mit entsprechender Evaluation zu erproben, wie telemedizinische Strukturen im Sinne einer add-on-Strategie z.B. von Akutkrankenhäusern in Kooperation mit Krankenhäusern der Maximalversorgung nachts und am Wochenende intergriert werden können. Dabei sei auch eine sektorenübergrifende Vernetzung entscheidend. So könne eine flächendeckte Versorgungsstruktur zum Wohle der PatientInnen auch im ländlichen Raum sichergestellt und für ÄrztInnen mit Familie eine Erleichterung z.B. am Wochenende erreicht werden, schloss Bärbl Mielich das Fachgespräch. Sie werde sich dafür stark machen, dass ein Modellprojekt durch die Landesregierung auf den Weg gebracht werde, versprach Sie.

 

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