Pflege Konkret Bad Krozingen „Versorgung demenziell erkrankter Menschen“ 19.11.2015

  Immer mehr ältere Menschen erkranken an Demenz. Sie brauchen eine ganz besondere Pflege. Welche Anforderungen stellt die Behandlung und Pflege eines Patienten mit Demenz an das Pflegepersonal und die Struktur des Klinikalltags, welche Maßnahmen braucht es, um Pflegekräfte entsprechend zu qualifizieren? Wie gestaltet sich der Übergang für Menschen mit Demenz nach einem Klinikaufenthalt zurück in die Häuslichkeit? Wie können Kommunen fit gemacht werden für den wachsenden Anteil demenziell erkrankter Menschen, welche Strukturen und Unterstützungsmaßnahmen braucht es dafür? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das öffentliche Fachgespräch „Pflege konkret!“ im Universitäts-Herzzentrum Bad Krozingen, zu dem die beiden grünen Abgeordneten Bärbl Mielich und Manfred Lucha eingeladen hatten; beide sind Mitglieder der interfraktionellen Enquete Kommission Pflege im Landtag, Bärbl Mielich als Obfrau der Grünen, Manfred Lucha als stellvertretender Vorsitzender.

Die Enquetekommission Pflege sei 2014 mit dem Ziel geschaffen worden, Pflege in Baden-Württemberg zukunftsorientiert und generationengerecht zu gestalten. Durch die Anhörungen zu den unterschiedlichsten Aspekten der Pflege sei mittlerweile ein umfassendes Bild der Situation der Pflege in Baden-Württemberg entstanden, sagte Manfred Lucha in seinem Eingangsstatement. Die Handlungsempfehlungen würden zur Zeit erarbeitet und der Abschlussbericht am 27.01.2016 vorgestellt werden. Von zentraler Bedeutung sei für die Grünen die Aufrechterhaltung der eigenen Würde auch im Pflegefall. Selbstbestimmung und Teilhabe seien für jeden Menschen wichtig auch und gerade für Menschen mit Pflegebedarf. Dass der ganzheitliche Mensch in den Blick genommen werde und nicht nur seine Krankheit, Behinderung oder Pflegebedürftigkeit, dafür haben sich die GRÜNEN in der Enquete stark gemacht. Das treffe auch gerade auf Menschen mit Demenz zu. Ohne die Expertise der PraktikerInnen und die Anregungen aus der Fläche sei die Arbeit der Enquete nicht zu denken, schloss Manfred Lucha.

Menschen mit Demenz benötigen eine ganz besondere Pflege, erläuterte Waltraud Kannen, die Geschäftsführerin der Sozialstation Südlicher Breisgau in ihrem Impulsreferat. Die Einweisung in ein Krankenhaus aufgrund einer Akutsituation stelle dabei eine besonders schwierige Situation da; für Patienten, Personal und Angehörige. Der Übergang von der Häuslichkeit in den stationären Bereich sei schwierig. Die Situation dort ganz ungewohnt. Mangelende Krankheitseinsicht des dementen Menschen, kaum Auskunftsfähigkeit über Beschwerden sowie ein anderes Schmerzempfinden seien das eine. Das erhöhte Bedürfnis der demenziell erkrankten Personen nach Begleitung durch eine Vertrauensperson das andere. Beides erfordere spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten sowie ein höheres Maß an zeitlicher Zuwendung, im Klinikalltag oft für das Pflegepersonal nicht zu leisten.

Und doch gibt es innovative Ansätze, um genau das leisten zu können, erläutert der Pflegedirektor des Universitäts-Herzzentrums Bad Krozingen, Peter Bechtel, in seinem Referat. Gemeinsam mit der Sozialstation Südlicher Breisgau würden seit 5 Jahren in einem Kooperationsmodell Alltagsbegleiter ehrenamtlich ausgebildet und bei Bedarf von Herzzentrum bei der Sozialstation angefordert. Sie seien ausschließlich für die Alltagsbegleitung zuständig und würden darauf in Schulungen vorbereitet. Die Kosten trage das Herzzentrum, die Resonanz sei durchweg sehr positiv. Auch die Pflege der demenziell erkrankten Menschen würde im Herzzentrum gut funktionieren und ganz ohne Fixierungs- oder Sedierungsmaßnahmen auskommen; auch, weil man die Angehörigen einbinde und mit den Alltagsbegleitern arbeite. Leider sei es eine seltene Liaison zwischen ambulantem und stationärem Sektor, die in Bad Krozingen erfolgreich praktiziert werde. Da gerade auch der Übergang zwischen Häuslichkeit und stationärer Einrichtung und zurück komplexe Hürden für die demenziell erkrankten Menschen seien, könne nur die sektorenübergreifende Zusammenarbeit hier sinnvolle Konzepte liefern. Hierbei sei auch die Kommune gefragt, erläuterte der Bürgermeister von Bad Krozingen, Volker Kieber, denn sie schaffe barrierefreie und demenzfreundliche Strukturen. Bad Krozingen sei hier schon recht weit. Müsse aber an der einen oder anderen Stelle noch nachjustieren, z.B. bei der Rollstuhlmitnahme durch den Bürgerbus.

Sehr deutlich wurde seitens der Klinik die Finanzierung angemahnt. Der notwendige pflegerische Mehraufwand gerade bei der Betreuung demenziell erkrankter Menschen werde nicht in den DRGs abgebildet, sondern müsse letztlich vom Krankenhaus selbst getragen werden. Der Geschäftsführer des Universitäts-Herzzentrums Bernd Sahner schloss sich deshalb klar der Forderung der GRÜNEN Fraktion in Richtung Bundesregierung an, ein eigenes Kostengewicht für die Pflege im DRG-System z.B. durch den Aufbau eigener Indikatoren für Pflegeleistungen zu schaffen. Denn nur so könne langfristig verhindert werden, dass Defizite in der Betriebskostenfinanzierung nicht über den Abbau von Pflegestellen finanziert werden.

Plege konkret 3

In Hinblick auf die Finanzierung von Menschen mit einer Demenz-Erkrankung in der Akutversorgung regte Volker Pryzibilla, Leiter des Geschäftsbereichs Versorgungsmanagement AOK Südlicher Oberrhein, an, die Pflegeversicherung in die Kosten der Demenzbetreuung in der Akutversorgung miteinzubeziehen. Dieser Vorschlag, so betonte Manfred Lucha, werde in der letzten Anhörung der Pflegeenquete zum Thema Finanzierung behandelt und geprüft werden..

Die Versorgung demenziell erkrankter Menschen im Akutkrankenhaus könne nur sektorenübergreifend und interdisziplinär gelingen, sagte Bärbl Mielich in ihrem Abschluss-Statement. Wenn das erfolgreich realisiert werde, wie in Bad Krozingen, dann bleibe die Würde des an Demenz Erkrankten unangetastet. Für die Fraktion GRÜNE sei die Zukunft der Pflege nur so denkbar, ressourcengerecht durch das Arbeiten und Lernen in Netzwerken. Das Thema Demenz müsse jedoch noch vertiefter in der Politik behandelt werden. Die Fragen und Anregungen der vielen ParktikerInnen aus dem Bereich Pflege und Betreuung demenziell erkrankter Menschen, die sich in das Gespräch einbrachten, würden sie und Herr Lucha mit nach Stuttgart nehmen und dort einbringen.

Die Badische Zeitung berichtete am 24.11.2015.

 

 

 

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